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Fairtrade Zukunftskongress in Berlin

Utopia Unterwegs auf dem Zukunftskongress von Fairtrade

Der Zukunftskongress „Handel neu denken“ in Berlin – Diskussion mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft

Utopia Unterwegs auf dem Zukunftskongress von Fairtrade
6 Utopisten haben neue Lösungsstrategien für den fairen Handel auf dem Zukunftskongress von Fairtrade in Berlin mitentwickelt!

Am 23. Mai 2017 trafen sich rund 200 Experten*innen aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft zum Zukunftskongress „Handel neu denken“ in Berlin um in fünf Workshops und einem Jugendforum einen Blick in die Zukunft des fairen Handels zu wagen und Lösungsansätze für die drängendsten Herausforderungen zu entwerfen. Auf seiner Website präsentiert Fairtrade Deutschland die Themen und Ergebnisse der einzelne Arbeitsgruppen.

TransFair e.V. (Fairtrade Deutschland) hat 6 Utopisten zum Zukunftskongress eingeladen, um konkrete Lösungsansätze für die bevorstehenden Herausforderungen des fairen Handels zu entwickeln. Welche Anreizsysteme für Hersteller und Handel brauchen wir für einen wirksamen Klimaschutz? Welche Erwartungen sind an das Thema Mindestlohn aus deutscher Sicht geknüpft? Wie kann Handel zu mehr Gerechtigkeit weltweit führen? Oder einfach: Wie soll’s mit Fairtrade weiter geh’n?

Meike, Judith, Nele, Emilia, Nina und Thilo haben mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam diskutiert und neue Ideen für die Weiterentwicklung des fairen Handels in verschiedenen Workshops erarbeitet.

Hier berichten sie über Ihre Erfahrungen.

Unsere Utopisten stellen sich vor:

Anne-Sophie Rebner, Berlin
Workshop“Prima Klima“

Der Workshop hat mich tatsächlich positiv überrascht. Es gab viele Menschen, die Experten für einzelne Themen innerhalb des Klimaschutzes waren und auch einige Vertreter des fairen Handels und somit entstand eine sehr fundierte Diskussion über das Thema, bei der mir vieles neu war.

Blog: berlin.imwandel.net

Martina Naumann, Augsburg
Workshop „Existenzsicherndes Einkommen“

Der Tag mit Fairtrade war eine tolle Erfahrung, voll gepackt mit Ideen, packenden Vorträgen und anregenden Gesprächen.

Blog: Ladyashsdiwan.wordpress.com

Judith Henze, Berlin
Workshop „Entwicklung neuer Märkte“

Ich persönlich hatte den ganzen Tag viele nette Interaktionen und regen Austausch, sowohl mit Teilnehmern meines Workshops, wie in der Mittagspause und am Abend auch mit anderen Besuchern. […] Alles in allem war es für mich ein wirklich tolles Erlebnis und ein motivierender Tag.

Blog: greenlab.berlin
Instagram: instagram.com/greenlabberlin
Facebook: facebook.com/GreenLab-Berlin

Thilo Krupp, Oldenburg
Workshop „Fairtrade in 2025“

Ich wollte mehr über Fairtrade erfahren und herausfinden, wie kleine Unternehmen diese Ansätze des fairen Handels aufgreifen können. Gemeinsam mit Julian Wiskemann habe ich Juti Snacks gegründet. Wir verkaufen ausschließlich faire gehandelte und bio-zertifizierte Produkte mittels Snackautomaten.

Blog: juti-snacks.de

Nina Schmüser, Münster (Westfalen)
Workshop „Nische vs. Mainstream“

Ich interessiere mich sehr für Umweltschutz und Nachhaltigkeit und engagiere mich in Studenteninitiativen für mehr Nachhaltigkeit. Beeindruckt hat mich die heterogene Teilnehmerstruktur des Zukunftskongresses. Teilnehmer aus Stiftungen, von NGOs z.B. Misereor, aus dem Lebensmittel-Discount z.B. Aldi und aus dem Bio-Einzelhandel wie z.B. der Bio Company vertreten.

Blog: info.fairmondo.de
Instagram: instagram.com/fairmondo
Facebook: facebook.com/wirtschaftundumwelt

Nele Pukat, Bad Friedrichshall
Jugendforum

Ich engagiere mich schon seit ich 13 Jahre alt bin für UNICEF. Nachhaltige Entwicklung und vor allem Fairtrade hat selbstverständlich in diesem Bereich einen hohen Stellenwert. Auch in meinem späteren Beruf würde ich gerne Fairtrade-Produkte herstellen oder Unternehmen beraten inwieweit sie nachhaltig roduzieren können.

Blog: www.unicef.de/mitmachen/youth
Instagram: Unicef_juniorbeirat
Facebook: facebook.com/UNICEFdeutschland

Eindrücke vom Zukunftskongress aus Berlin

Unsere Utopisten haben für euch ihre Eindrücke vom Zukunftskongress fotografisch festgehalten. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fanden zum gemeinsamen Dialog Ende Mai in Berlin zum Thema „Handel neu denken“ zusammen.

(5) Kommentare

  1. Mit Utopia unterwegs.
    Plötzlich kam eine Email von Utopia, „Glückwunsch du fährst für uns nach Berlin und berichtest vom Fairtrade Kongress „Handel neu denken“.
    Am Dienstag, den 23. Mai war ich als Utopist auf dem Fairtrade Kongress in Berlin dabei und habe am Workshop „ungleiche Konkurrenz – Mindestlohn in Deutschland oder Existenzsicherung im Süden“ teilgenommen.

    Der Tag mit Fairtrade war eine tolle Erfahrung, voll gepackt mit Ideen, packenden Vorträgen und anregenden Gesprächen.

    Fairtrade feierte sein 25jährige Jubiläum. In 5 Workshops und einem Jugendforum sollte die zukünftige Richtung des Fairtrade Handels entwickelt werden. In der Abschlussveranstaltung im Plenum wurden diese Forderungen aus den Workshops an den Zukunftswürfel geheftet und dem Aufsichtsrat übergeben.
    Utopia hatte für jeden Workshop einen Teilnehmer nominiert. In der Früh führte uns Daniel Caspari von Fairtrade durch die Kalkscheune, den Veranstaltungsort. Dieter Overath, Vorstandsvorsitzender von TransFair e.V nahm sich die Zeit uns zu begrüßen und appellierte, die Ideen von Fairtrade über die digitalen Medien zu verbreiten. Dem Aufruf leiste ich gerne folge und publiziere einen ausführlichen Bericht auf in meinem Blog ladyashsdiwan.wordpress.com oder in Deutsch auf Diwanderdameash.wordpress.com.
    Herr Overath eröffnete den Kongresses mit einer Rückschau auf 25 Jahre Fairtrade. Von den schweren Anfängen 1992, mit der Vorstellung des Fairtrade Gedankens bis heute, in dem die Fairtrade Organisation zu einem weltweiten Netzwerk mit 1,2 Mio. Euro Umsatz in 2016 geworden ist. Seniora Merling Preza Ramos, Direktorin einer Kaffeekooperative mit rund 2.300 Kleinbauern in Nicaragua schilderte die Verbesserungen, welche die Bauern durch Fairtrade für die Gemeinschaft erreicht haben.
    Das Fairtrade System sieht einen garantierten Mindestpreis für die Ware vor, zusätzlich wird den Arbeitern eine Fairtrade Prämie überwiesen. Ein demokratisch gewähltes Arbeitergremium, stimmt über den Verwendungszweck der Prämie ab. Es muss sicher gestellt sein, das die Prämie hauptsächlich für gemeinnützige Zwecke verwendet wird und nicht der Entlohnung zugerechnet werden kann. Die Prämie der Kooperative in Nicaragua, wird für den Bau von Schulen und zur medizinischen Versorgung verwendet, z.b. bei Krebserkrankungen.
    Seit 1993 ist der REWE Konzern mit seinen Handelsketten ein Partner von TransFair. Frank Wiemer führte die ökologisch motivierte Strategie des Konzerns aus. Zum Erfolg der Partnerschaft mit TransFair gehört neben Aufklärungsarbeit der Verbraucher auch, dass alle Teilnehmer der Lieferkette am selben Strang ziehen.
    Zur Einstimmung auf die Zukunft trat als Schlussredner Richard David Precht auf, mit einem Plädoyer für Menschenrechte. Sein Rückblick reichte bis ins 17. Jahrhundert, als John Locke die Rechte des Menschen formulierte. Aus dem Naturrecht der Humanisten leitete Locke die Gleichheit der Menschen ab. Das der Begriff der Menschheit immer schon Interpretationsspielraum zuließ, wurde uns veranschaulicht mit der Erläuterung, dass John Locke Plantagenbesitzers in Carolina war. Wie viele andere nordamerikanische Plantagenbesitzer beschäftigte er dort Sklaven. Der Besitz von Sklaven und dass Frauen erst 200 Jahre später das Wahlrecht erhielten, engt den damals verwendeten Begriff der Menschheit auf weiße Männer ein. Heute im 21. Jahrhundert sind wir vielfach nur in der Theorie weiter. Die Praxis fehlt oft noch, wie die aktuellen Diskussionen über den Flüchtlingsstrom zeigt. Das ist die Chance des 21. Jahrhunderts, die im 17. Jahrhundert postulierte Forderung nach der Gleichheit der Menschen auch in die Praxis umzusetzen.
    So motiviert wurden wir in die Workshops entlassen.
    In unserem Workshop, saßen Vertreter aus Handel und deren Interessenverbände zusammen mit Vertretern der Gewerkschaften, NGO’s, Kirche und einem Utopisten. Am Vormittag erarbeiteten wir die Herausforderungen, die Fairtrade künftig angreifen soll.
    Sehr schnell kristallisierte sich das Schlagwort Transparenz bei der Preis- und Lohngestaltung heraus.
    Transparenz der Kosten!
    Transparenz in der Lieferkette in beide Richtungen!
    Dazu muss die Lücke bestimmt werden können, die zwischen dem jeweiligen Lohnniveau und dem existenssichernden Lohn besteht.
    Mit einem Rechenmodell kann die Höhe des existenssichernden Lohns je Land und Region berechnet werden um so die Lücke im Lohnniveau zu bestimmen. Daran schloss sich gleich die Frage an, führt dies zwingend zu einem Preisanstieg für den Verbraucher oder zu einer Umverteilung innerhalb der Lieferkette. Bei einer durchgängigen Transparenz innerhalb der Lieferkette, kann sich kein Partner oder Wettbewerber durch das Zurückhalten von Information einen Preisvorteil einbauen. Die Preisgestaltung erfolgt symmetrisch zu Angebot und Nachfrage. Ein größerer Gewinn kann durch höheren Ertrag oder bessere Qualität erreicht werden, aber nicht durch Benachteiligung eines Arbeiters, eines Handelspartners oder Konsumenten. Für den Verbraucher muss sichtbar sein, dass der Preis der Ware fair ist. Wie dies erfolgen sollte wurde kontrovers diskutiert. Mein Vorschlag auf dem Produkt mit einer Ampelfunktion den „Fair Preis“ zu kategorisieren, wurden von den meisten Teilnehmern als Utopie angesehen. Aber dafür war ich ja da!
    Die Transparenz der Handelskette alleine sichert noch keine existenzsichernden Löhne, sie macht den Preis fairer. Sind viele Arbeiter auf der Suche nach einer Beschäftigung auf Plantagen, sinkt das Lohnniveau, weil es zu viele Bewerber gibt. Die Arbeiter sind dann bereit für einen Lohn zu arbeiten, von dem sie wissen, dass es nicht zum Leben reicht. Dies führte bei der industriellen Revolution in Europa im 19. Jahrhundert zu den „Hungerlöhnen“ und der Entstehung des Gewerkschaftsbund. Durch die Zerschlagung des Großgrundbesitzes zogen viele Landarbeiter in die Städte, um in den Fabriken zu arbeiten. Die industrielle Produktion machte zudem viele Handwerker arbeitslos, so dass zusätzlich die Gesellen in den Fabriken Arbeit suchten.
    Ähnlich ist die heutige Situation im Süden und es wird sich durch die Klimaveränderungen noch verschärfen. Den grossen Plantagen stehen Arbeitskräfte von ehemaligen Kleinbauern, von Migranten und Binnenmigranten als „billige“ Arbeitskräfte zur Verfügung. Soweit ist die Situation heute mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts vergleichbar. Heute allerdings herrscht zusätzlich eine Konzentration der Handelskonzerne, welche den Kaufpreis bestimmen können. Abstrakt ausgedrückt, haben wir ein Überangebot an Arbeitskräften, welches zu billigen Löhnen führt aber gleichzeitig eine Konzentration auf der Abnahmeseite durch Handelsketten. Die global agierenden Handelsketten bilden eine Einkaufsmacht mit der sie Preisdruck auf die Lieferkette ausüben. Der Preis des Endprodukts folgt nicht mehr der Nachfrage sondern wird bestimmt. Unter diesen Rahmenbedingungen hat ein Plantagenbesitzers kaum Einflussmöglichkeit. Wenn er die Produktionsmenge steigert, um mehr Umsatz zu machen, erreicht er das Gegenteil. Die Preise sinken durch das größere Angebot im Markt.
    In diesem Szenario ist Fairtrade aufgefordert mit allen Beteiligten der Lieferkette zu arbeiten, um die Rahmenbedingungen für existenssichernde Löhne zu setzten.
    Die Gesetzgeber sind aufgefordert politische Durchgriffsmöglichkeiten zu schaffen, wie Zölle oder Steuern, um Verstöße zu ahnden.

    Danach hatten wir uns die Mittagspause verdient. Der schöne mit efeubewachsenen Innenhof war mit Bänken und Stehtischen vorbereitet. Es gab auch für Vegetarier ein sehr leckeres Seitan Curry. In der Pause wurde teilweise in den Workshop-Gruppen, aber auch übergreifend lebhaft weiter diskutiert. Beeindruckt hat mich die lockere Atmosphäre der gesamten Veranstaltung zu der die Mitarbeiter von TransFair maßgeblich beitrugen. Das waren die idealen Rahmenbedingungen, um die Zukunft des Handels neu zu denken.
    Ich hatte die Chance mit Vertretern von Hilfsorganisationen oder kleineren Handelsunternehmen die Idee einer transparenten Preiskalkulation zu diskutieren. Gerade kleinere Händler können hierbei eine Vorreiterrolle übernehmen und einen Status Quo schaffen.
    Am Nachmittag ging es um Maßnahmen die Fairtrade ergreifen soll. Das Thema Transparenz wurde kontrovers zwischen den Teilnehmern aus Handel einerseits und den restlichen Teilnehmern diskutiert. Doch Konsens herrschte, das die Unternehmer in der Verantwortung sind die Transparenz herbeizuführen und auch dazu in der Lage sind.
    TransFair als Organisation ist in der Position durch eine Zangenbewegung an beiden Enden der Lieferkette anzusetzen. Einerseits Aufklärungsarbeit bei den Verbrauchern, aber auch auf Seiten der Arbeiter in den Ursprungsländern.
    Die Gesetzgeber sind in der Verantwortung die geforderte Transparenz mit entsprechender Gesetzgebung zu unterstützen, sei es durch Zölle und Sanktionen oder durch ein Bonussystem als positive Motivation. Fairtrade Produkte sind dann keine Nischenprodukte mehr, sondern der Massenmarkt.
    Unser Moderator Frank Eichinger fasste die Ergebnisse in einem Satz zusammen,
    Fairtrade schafft sich am Ende selbst ab!
    Zum Abschluss des Tages stellten die 6 Moderatoren die Ergebnisse der Workshops vor und hefteten die Forderungen an den Zukunftswürfel.
    Die Ergebnisse aus Workshop 4, „Fairtrade in 2025“ kam zu einem gleichen Ergebnis.
    In 2025 wird das Fairtrade Siegel nicht mehr benötigt. Über Steuern sollen die bislang nicht in der Preisgestaltung der Endprodukte enthaltene externen Kosten den Lieferanten als interne Kosten verrechnet werden. Externe Kosten sind solche, die der Bürger und Staaten ohne Gegenleistung zahlen, z.b. als Entwicklungshilfe. Die externen Kosten der Gemeinschaft werden zu internen Kosten der Unternehmen. Der kalkulierte Preis der Ware entspricht den tatsächlichen fairen Produktionskosten.
    Dazu passt der prägnante Claim des Jugendforums
    #UnfairWarGestern

  2. Am 23. Mai 2017 hatte ich die einmalige Gelegenheit mit Utopia zum Zukunftskongress „Handel neu denken“ anlässlich des 25. Jubiläums von Fairtrade Deutschland nach Berlin zu fahren. Nach meiner Ankunft um 9 Uhr in der Kalkscheune in Berlin habe ich mich mit den anderen „Utopisten“ zusammengefunden. Daniel Caspari hat uns dann freundlich empfangen und uns die Kalkscheune gezeigt sowie ein paar einleitende Worte gesprochen.

    Nach dem ersten Fairtrade-Kaffee ging der Kongress dann auch schon mit der Begrüßung vor dem Plenum durch den Vorstandvorsitzenden des TransFair e.V., Dieter Overath, los. Er hat uns schnell auf den Boden der Tatsachen gebracht, was den Fairen Handel in Deutschland angeht. Mit der treffenden Bezeichnung, Deutschland sei ein „Schwellenland“ in diesem Bereich hat er deutlich gemacht, dass jeder Deutsche gerade einmal 13 € im Jahr für Fairtrade-Produkte ausgibt. Die Österreicher kommen im Vergleich dazu schon auf 30 € und die Schweizer sogar auf 69 € jährlich. Weiter ging der Kongress mit einem Grußwort einer Fairtrade-Kaffeeproduzentin aus Nicagarua. Sehr erschreckend fand ich den Fakt, dass der Klimawandel sich schon heute bei den Kaffeeplantagen bemerkbar macht, wie beispielsweise durch starke, unkontrollierbare Regengüsse. Danach hat uns auch der Vorstand der REWE-Group mit einer Rede begrüßt und uns ein paar Fakten über die Zusammenarbeit des Einzelhandels mit Fairtrade geliefert.

    Nach den einleitenden Vorträgen kam der Keynote-Sprecher Richard David Precht auf die Bühne, der uns mit seiner eindrucksvollen Rede zu einem Bewusstseinswandel ermutigt hat. Besonders hat er uns hier auf das unterschiedliche Empfinden über Menschenrechte hingewiesen. Warum sind wir theoretisch alle für Menschenrechte, wenn aber uns eine Flüchtlingskrise bedroht, sehen wir die Lage ganz anders? Können wir ein Mitgefühl nur für andere Menschen in unserer Nähe empfinden? Hier hat er dazu aufgerufen, diese noch heute sehr theoretische Sicht auf die gleichen Rechte für alle Menschen endlich auch in die Tat umzusetzen.

    Nach dem Eröffnungsplenum ging es für alle Teilnehmer in ihre Workshops und für mich in den Workshop „Nische vs. Mainstream“. Nach der anfänglichen kurzen Vorstellungsrunde war ich gleich beeindruckt von der heterogenen Teilnehmerstruktur. Es waren Teilnehmer aus verschiedenen Stiftungen, von NGOs wie zum Beispiel MISERIOR, aus dem Lebensmittel-Discount wie beispielsweise ALDI und LIDL, aus dem Bio-Einzelhandel wie der BIO COMPANY, Verlagen und von FERRERO als Süßwaren-Produzenten vertreten. Wie sich im weiteren Verlauf des Workshops herausgestellt hat, war diese Vielfalt an Teilnehmern gerade für die Diskussion über die Herausforderungen des fairen Handels sehr spannend. Am Ende der sehr vielfältigen Diskussion haben sich in der Gruppe drei Hauptfragen herauskristallisiert, die sich Fairtrade für die Zukunft in der Debatte „Nische vs. Mainstream“ stellen sollte:
    – Welche Rahmenbedingungen in Politik und Wirtschaft können Fairtrade fördern?
    – Wie wird über Fairtrade kommuniziert um die Siegelreputation zu erhöhen?
    – Wie kann Fairtrade die hohe Qualität/Standards im Mainstream wahren?

    Mit dieser Aufstellung von Herausforderungen sind wir dann in die Mittagspause entlassen worden, die wir nutzen konnten, um bei einem leckeren Buffet andere Teilnehmer kennenzulernen. Nach der Mittagspause wurde der Workshop in drei Gruppen geteilt, in denen wir uns mit den Herausforderungen beschäftigen und Lösungsansätze finden sollten. Am Ende entstanden dabei sehr vielfältige Ideen, bei denen sich hauptsächlich aber herausgestellt hat, dass Fairtrade, um eine hohe Reputation beizubehalten, Vertrauen schaffen sollte durch möglichst unabhängige Qualitätskontrollen. Bei den Rahmenbedingungen sollten hauptsächlich von der Politik mehr Anreize geschafft werden, wobei Fairtrade auch Projekte wie beispielsweise die Gemeinwohlökonomie unterstützen könnte.

    Mit spannenden Erkenntnissen und neuen Erfahrungen sind wir nach der Workshop-Phase wieder im Plenum zusammengetreten, wo aus allen Workshops kurz die Ergebnisse nochmal präsentiert wurden. Nach dem Plenum haben wir uns mit den Utopisten gemütlich zusammengesetzt, gequatscht und den Abend mit einem Sekt ausklingen lassen. Für mich ging damit ein sehr gelungener und interessanter Tag zu Ende, der mir auch die Wochen danach noch sehr in Erinnerung geblieben ist.

  3. Zukunftskongress

    Am 23. Mai durfte ich, Thilo von Juti Snacks, für Utopia Unterwegs den Zukunftskongress des TransFair e.V. – vielen besser bekannt als Fairtrade Deutschland – besuchen. Dort habe ich und mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und NGOs über die Zukunft des fairen Handels in Deutschland und weltweit diskutieren.

    Richard David Precht, Workshops und die Zukunft des fairen Handels

    In der wunderschönen Kalkscheune in Berlin Mitte begann der sehr gut besuchte Zukunftskongress mit herzlichen Grußworten von Dieter Overath (Vorstandsvorsitzender TransFair e.V.), Merling Preza Ramos (Vertreterin der Kaffee-Kooperative Gerencia General Prodecoop) und Frank Wierner (Vorstand Rewe Group). Jeder Referent unterstrich dabei die Bedeutung des fairen Handels aus einer ganzen eigenen, zum Teil sehr persönlichen, Perspektive. Danach philosophierte Richard David Precht über den fairen Handel in einer globalen Welt und inspirierte die Anwesenden das Modell für die Zukunft fit zu machen.

    Voller Tatendrang begaben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anschließend in einen der vier Workshops. Ich habe mich für den Workshop „Fair Trade 2025“ entschieden. Dort haben wir diskutiert, wie der faire Handel im Jahr 2025 aussehen könnte und stießen schnell auf wichtige Fragen und Herausforderungen: (1) Wie können die Kosten der Nachhaltigkeit in die Preise integriert werden? (2) Wie können Standards und Leitlinien verbindlich und institutionalisiert werden? Oder (3) kann eine wachstumsbasierte Wirtschaft nachhaltig sein? Uff… das sind große Fragen, die sich wohl kaum in einem Workshop klären lassen. Aber es wurde schnell deutlich, dass externe Kosten, wie beispielsweise Wasserverschmutzung, Bodenerosion oder Erkrankungen durch Luftverschmutzung, in die Produkte eingepreist werden müssen. Der Wert unserer Konsumgüter sollte nach dem „wahren“ Preis bemessen werden und die Kosten für die Umwelt und die Gesellschaft beinhalten. Ein erster in diese Richtung ist beispielsweise die steuerliche Entlastung von nachhaltigen und fairen Produkten geschehen. Dann würden vermehrt faire und nachhaltige Produkte nachgefragt werden, weil diese schlichtweg günstiger wären.

    Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Workshop waren sich einig, auf lange Sicht müssen alle Produkte faire und nachhaltige Standards erfüllen. Das beinhaltet auch die Umsetzung von globalen Standards, wie beispielsweise die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschrechte, in nationales Recht. Das ist ein wichtiger Schritt, damit die negativen Folgen unseres Konsums nicht weiterhin bedingungslos in ärmere Länder outgesourct werden. Bis alle Konsumgüter allerdings ökologische und soziale Mindeststandards erfüllen, ist es noch ein langer Weg.

    Klar ist aber auch, dass wir schon einen weiten Weg gekommen sind. Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend, sondern setzt sich in immer mehr Lebensbereichen durch. Der Markt boomt und so legt beispielsweise der Umsatz von Lebensmitteln jährlich deutlich zu. Dennoch ist der Anteil an nachhaltigen Produkten im Lebensmittelbereich ist immer noch schwindend gering. Laut Foodwatch (2015) machen Bio-Lebensmittel lediglich 4,8 Prozent des Lebensmittelumsatzes aus. Beim fairen Handel verhält es sich ähnlich: In Deutschland werden weniger als 4 Prozent des Kaffeeumsatzes fair gehandelt und dabei ist Kaffee der Fairtrade-Klassiker schlechthin. Momentan geben wir durchschnittlich nur 13 Euro pro Jahr für fair gehandelte Produkte aus. Da gibt es noch viel Luft nach oben!

    Hinter jedem Kaffee steckt ein Gesicht und es nicht das von George Clooney

    Uns ist häufig nicht bewusst, dass unser nicht-nachhaltiger Lebensstil globale Folgen hat. Der anthropogene Klimawandel ist zum großen Teil Folge unseres Wohlstandes in den Industrienationen. Schon am Anfang des Zukunftskongress hat Senora Preza Ramos von einer nicaraguischen Kaffee-Kooperative darauf hingewiesen, dass die Bauern in ihrer Organisation sehr unter dem Klimawandel leiden. Schon jetzt ist das Wetter viel unbeständiger als noch vor einigen Jahren – mal regnet es, mal regnet es nicht. Das führt zu Ernteausfällen, die eine konkrete Existenzgefährdung für die Bauern darstellen können. Fairtrade baut langfristige, partnerschaftliche Beziehungen zwischen den Erzeugern und dem Handel auf und bietet auch in Zeiten unsicher Produktionsbedingungen Planungssicherheit.

    Die Welt wird sich verändern – durch Design oder durch Chaos

    Der Klimawandel ist die größte Herausforderung, der wir uns als Menschheit jemals stellen mussten. Doch wir können unsere Art des Wirtschaftens so umstrukturieren, dass diese globale Entwicklung nicht katastrophal endet. Zugegeben, ein fairer Handel ist nicht das Allheilmittel, aber er ist Teil der Lösung. Um die positive Wirkung des fairen Handels zu potenzieren, müssen alle an einem Strang ziehen: Politik, Wirtschaft, NGOs und Verbraucher. Das hat der TransFair Zukunftskongress ganz deutlich aufgezeigt.

    TransFair e.V.

    TransFair ist jetzt 25 Jahre alt. Der Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher erkennt heute das Fairtrade-Logo in den Regalen und gibt an ethische Kriterien beim Warenkauf zu berücksichtigen. Doch Worte und Handlung klaffen weiterhin stark auseinander. Ich wünsche dem fairen Handel Wachstum, ein Prinzip das unter Nachhaltigkeitsökonomen durchaus umstritten ist, so dass der Anteil von fairen Produkten weiter steigt. Es bedarf eine Menge Kreativität und innovative Ideen, um die Herausforderungen der nächsten 25 Jahre zu meistern. Aber vor allem müssen wir, die Konsumentinnen und Konsumenten, erkennen, dass wir nur ein Recht auf Luxusgüter wie Kaffee haben, wenn wir bereit sind faire Preise dafür zu bezahlen.

    Thilo Krupp
    Thilo Krupp hat zusammen mit seinem Kumpel Julian Wiskemann Juti Snacks gegründet. Das Unternehmen verkauft ausschließlich faire gehandelte und bio-zertifizierte Produkte mittels Snackautomaten. http://www.juti-snacks.de

  4. Das größte Problem für Bauern, die in Kooperation mit Fairtrade Produkte anbauen, ist der Klimawandel. Zum fairen Handel gehört auch, die Bedingungen der Bauern zu sehen und auf neue Schwierigkeiten zu reagieren. Einer von fünf Workshops auf dem Jubiläumskongress des transfair e.V. am 23.5. beschäftigte sich mit dem Thema Klima und nimmt es als zentralen Punkt in der Planung für die nächsten Jahre auf. Außerdem gab es spannende Inputs von Akteuren rund um fairtrade und einen vollen Programmtag mit interessanten Begegnungen.

    Es geht um Weltwirtschaft, Produktion, unser Konsumverhalten, Kontrollen, Supermarktketten und Eine-Welt-Läden. Viele Fragen sind für transfair Deutschland auch nach 25 Jahren Arbeit noch offen. Die Antworten werden gefunden, diskutiert, ausgetestet und immer wieder verändert. Der transfair e.V. vergibt in Deutschland die fairtrade-Siegel und setzt sich außerdem für die Weiterverbreitung der Idee des fairen Handels ein. Ein viertel Jahrhundert gibt es sie jetzt. Auf der Jubiläumsveranstaltung zog der Verein Resumée und arbeitete gemeinsam mit Kooperationspartnern und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an neuen Antworten für die zukünftige Entwicklung. Was heißt also fairtrade heute und in welche Richtung wird der faire Handeln in den nächsten 25 Jahren gehen?

    Durch die Einladung von transfair und Utopia.de war ich als Ausgesandte auf dem Jubiläum des transfair e.V. unterwegs um darüber zu berichten und habe auch einen der sechs Workshops besucht: Der faire Handel und der Klimawandel. Der Workshop hat mich tatsächlich positiv überrascht. Es gab viele Menschen, die Experten für einzelne Themen innerhalb des Klimaschutzes waren und auch einige Vertreter des fairen Handels und somit entstand eine sehr fundierte Diskussion über das Thema, bei der mir viele neu waren. Doch ich will erst einmal kurz über den Tag allgemein – meine Mitjournalisten werden es mir gleich tun, der Vollständigkeit halber trotzdem hier eine Zusammenfassung:

    Wir kamen in der Kalkscheune direkt neben dem Friedrichstadtpalast in Mitte schon um 9 Uhr morgens an. Es ging los mit Kaffee und einer Vorstellungsrunde mit den anderen Bloggern. Mit vier Grußworten und Vorträgen begann dann das Programm für den Tag. Dieter Overath, der Gründer und Vorsitzende des transfair e.V. stellte sich zuerst ans Podium und erzählte von den Anfängen, den Schwierigkeiten und Erfolgen eines Sozialsiegels, das heute auch in Supermärkten und Discountern zu finden ist. Danach sprache Fairtrade-Kaffeeproduzentin Merling Preza Ramos von der Kooperative Prodecoop in Nicaragua darüber, dass fairtrade schon viel für Produzenten des globalen Südens getan hat, sie aber weiterhin vor großen Aufgaben stehen. Hersteller wünschen sich einen höheren Umsatz fair gehandelter Produkte.
    Einen längeren Vortrag hielten Vorstandsmitglied der Rewe-Group Frank Wiener und Richard David Precht, seit seinem Buch „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ bekannter Philosoph und Autor. Vor allem auf dessen Rede bezogen sich viele Besucher auch später am Tag noch. Er machte den Zusammenhang auf zwischen der menschlichen Psychologie und der heutigen Aufgabe, die Erde zu schützen. Wie schaffen wir es, Produktion und Handel rechtzeitig so drastisch zu verändern, dass uns die Erde in ein paar Jahren nicht einfach den Hahn zudreht? Merken wir es zu spät? Sind wir einfach zu faul? Rewe-Vorstandmitglied Frank Wiener hatte vorher noch gesagt, Fairtrade werde immer eine Sparte bleiben. Precht gab, wenn auch vorsichtig, wieder Hoffnung. Unser Effizienzdenken ist auch erst 200 Jahre alt. Das heißt, es lässt sich auch verändern. Wenn man bei der Zielsetzung Nachhaltigkeit psychologische Bedingungen des Menschen berücksichtigt, hat man um einiges bessere Ausgangschancen, etwas zu erreichen. Er sprach sich zum Beispiel für ein Bad-Trade-Siegel aus. Niemand will wirklich ein Stück Fleisch aus Massentierhaltung kaufen, wenn auf der Packung zu sehen ist, wo es herkommt.

    In den Workshops ging es trotzdem dann mit den schwierigen Fragen weiter, die schon aufgemacht wurden: Es ging um gerechte Einkommen, Nische versus Massenmarkt, neue Märkte und Möglichkeiten, darum, wie ein fairer Handel sich bis 2025 entwickeln soll und – wie gesagt – der Klimawandel und die Effekte auf Bauern in der ganzen Welt. Außerdem trafen sich Jugendliche in einem eigenen Workshop. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland Fairtrade-Schulen, die sich zur Aufgabe machen, sich mit dem Thema des guten Handels zu beschäftigen. Auf dem Kongress sollte der Jugend eine eigene Stimme verliehen werden.

    Der Klimawandel als eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und vor allem für die Bauern, die in südlichen Ländern die Produkte herstellen, die wir später im Supermarkt finden. Wie können wir der Bedrohung begegnen? Über einige Vorschläge waren sich die Besucher des Klima-Workshops sehr einig. Das Bewusstsein bei Produzenten, Händlern und Konsumenten muss größer werden. Was fairen Handel betrifft, muss das Thema Klima in Zukunft in jeder Strategie integriert sein. Weiter können Bauern durch sinnvolle Schulungen und Trainings wichtige Fähigkeiten zum Umgang mit den sich verändernden Wetterbedingungen erlangen. Welches Saatgut wähle ich, damit ich relativ unbeschadet durch Unwetter komme? Gibt es besondere Anbaumethoden, die mir helfen? Alte Sorten und Diversität sind die Stichwörter. Eine Teilnehmerin, Mitglied des Vorstands von fairtrade international, sprach sich vor allem dafür aus, die Bemühungen von Klimaschutz nicht abzulösen mit Anpassung an die Veränderungen. Wir müssen uns darum kümmern, die Veränderung zu stoppen und uns nicht nur an die neuen Bedingungen gewöhnen. Für andere Fragen gab es verschiedene Perspektiven: Ist Emissionsausgleich, zum Beispiel mit Spenden für Aufforstungsprojekte, sinnvoll? Heute ist es vielleicht eine nötige Maßnahme, weil die Herstellung von Produkten noch nicht so weit umgestellt ist, dass alles klimaneutral sein kann.
    An einigen Fragen arbeiteten die Teilnehmer am Nachmittag weiter: Wie können Vereine wie transfair die Dringlichkeit des Problems kommunizieren? Welche Anreize und Regularien kann es gesamtgesellschaftlich für klimafreundliches Wirtschaften geben? Und kann man sich jetzt schon ein Modellprojekt vorstellen, das dem Klima helfen kann? Die Beiträge waren sehr spannend.

    Es gab ein Thema, das mir persönlich zu kurz kam im Workshop, auch in den Vorträgen davor und im Abschlussplenum danach kam es nicht zur Sprache. Wenn wir etwas verändern wollen an den Folgen unseres Konsums, müssen wir weniger konsumieren. Postwachstum. Teilen. Wiederverwenden. Verzichten. Ohne diesen Ansatz werden wir weder faire Arbeitsbedinungen noch ein Ende des Klimawandels erreichen. Das wirft natürlich die Frage auf: Kann fairtrade dazu überhaupt einen Beitrag leisten? Kann eine Handelsorganisation alle Themen angehen, die es für einen positiven gesellschaftlichen Wandel braucht? Ihr sind durch ihre Struktur und ihre Zielsetzung schon von vornherein Grenzen gesetzt. Die Fragen um die Veränderung unserer Wirtschaft müssen auch von anderen Seiten angegangen werden, damit sich das Bild zusammenfügt. Fairtrade muss seinen Teil leisten, um bestehenden Konsum nachhaltig zu machen. Andere müssen daran arbeiten, damit der restliche Konsum sich verringert. Der allgemeine Eindruck zum 25-jährigen Jubiläum von fairtrade Deutschland? Schick aufgemacht und gut organisiert, sehr verschiedene Menschen, aber alle scheinen das Ziel vor Augen zu haben: Mehr fairtrade in die Läden, die Sparte ausbauen, den Produzenten ein gutes und selbstständiges Leben ermöglichen, neue Herausforderungen gemeinsam angehen. Transfair hat einen längeren Weg hinter sich, als die meisten Organisationen, die sich mit bewusstem Konsum beschäftigen. Verschiedene Meinungen müssen sich hier ausgleichen und die Initiativen und Bewegungen sich gegenseitig ergänzen. Dann wird nicht nur die Macht größer, sondern auch jeder Bereich der positiven Transformation abgedeckt.

    Anne-Sophie Rebner schreibt für berlin.imwandel.net und brandenburg.imwandel.net Porträts und Artikel über Projekte in Berlin und Brandenburg. Im Wandel zeigt Menschen, die den öko-sozialen Wandel durch ihre Arbeit anstoßen und mitgestalten.

  5. Am 23. Mai 2017 hatte ich, Judith Henze, das Vergnügen, am Zukunftskongress in Berlin teilzunehmen. Da neue Wertschöpfung ein zentraler Punkt bei GreenLab Berlin ist, interessierte mich am meisten Workshop 3: „Von Direktvermarktung zu Brandownership – Neue Märkte, neue Vertriebswege, neue Wertschöpfung“, den Ute Holtmann, Leiterin der Public Relations Abteilung des EHI Retail Institutes, leitete.
    Im ersten Teil des Workshops ging es darum, unterstützt durch die eingebrachten Leitfragen, zukünftige Herausforderungen für den fairen Handel zu definieren, um im zweiten Teil des Workshops die dazu passenden Lösungsstrategien zu erarbeiten. Dank der vielen verschiedenen Perspektiven der Workshop Teilnehmer*innen, wurde eine breite Anzahl von Ansätzen und Anregungen in einer offenen Runde diskutiert. Schließlich kamen alle durch eine Abstimmung zum Konsens das die Themenbereiche E-Commerce, kundenorientierte Kommunikation und größere Unterstützung durch die Politik zu den größten Herausforderungen darstellen.Gestärkt durch die Mittagspause wurden die Teilnehmer*innen dann in drei Gruppen aufgeteilt, um in Rotation, die ausgearbeiteten Zukunftsthesen zu bearbeiten. Dabei wurden die Teams angehalten, die Walt-Disney-Methode anzuwenden: Ziele erträumen, realistische Lösungsansätze einbringen und schließlich diese kritisch zu betrachten.

    Besonders stark diskutiert wurde darüber, wie sich der Vertrieb von Fairtrade Produkten online mit kundenorientierter Kommunikation kombinieren lässt. Ein praktisches Beispiel wäre, wenn Kunden online Fairtrade Kaffee bestellen und sie sich dabei gleich durch ein kurzes Video über die Herstellung dieses Produktes informieren können. Im Detail könnten solche Informationsvideos die lokalen Umstände und Herausforderungen aufzeigen, Einblicke über die Fortschritte, welche durch Fairtrade initiiert wurden, geben und vielleicht zukünftige Pläne und weitere Initiativen vorstellen. Den Fairtrade Kunden in Deutschland, der Schweiz und Österreich würde so die verschiedenen Umstände der Produzenten vor Ort einfacher und direkter visuell näher gebracht werden.

    Katharina Götting vom IÖW brachte einen sehr wichtigen Aspekt in die Diskussion ein: Ziel sollte sein, dass alle kundenorientierte Kommunikation bei Verbrauchern nicht nur einen kurzfristigen Bewusstseinswandel anzustoßen, sondern auch erreichen, dass dieVerbraucher ihr Konsumverhalten langfristig ändern. Solche Verhaltensveränderung aufseiten der Verbraucher, angeregt durch Aufklärung, Werbung und auf dem Markt gut platzierten Angeboten ist ein sehr ambitioniertes und langwieriges Ziel.

    Zum Konferenzabschluss wurden dann die Ergebnisse allen Workshops in einem großen Plenum präsentiert. Gut fand ich dabei den Vorschlag des Workshops 1: zum Thema Klimawandel, eine einheitliche Methode zur Internalisierung von externen Kosten anzustreben und darauf basierend dann CO2 Steuern und Streichung von Subventionen zu fordern. Ein wichtiger Beitrag dieser Gruppe war auch den Mangel an nachhaltige integrierte Farmsystemen vor Ort als Herausforderung zu definieren und dazu proaktive Lösungsvorschläge, wie die Förderung von Mobile Apps, Training und Roundtables (dt. Expertentreffen) mit anderen Akteuren, zu machen.

    Auch der Appell nach mehr Transparenz in der gesamten Lieferkette, eingebracht durch den Workshops 2 zum Thema „Einkommen“, halte ich für sehr wichtig. Es wird in Zukunft Standard werden, dass durch genaues Precision Farming (dt. „Präzisionsackerbau“), die Produzenten Produktionsmengen besser planen und überwachen können. Auch am anderen Ende der Lieferkette wird das Konsumverhalten zukünftig weiter digitalisiert und transparent. Durch die Verbreitung von sogenannte „Smart Home“ (dt. intelligente Zuhause) Systemen, durch welche zum Beispiel der Kühlschrank eine sms schickt, wenn die Milch leer ist oder gleich online neue Milch bestellt. Durch Handy, Tablett oder Laptop, haben wir die Möglichkeit alle diese Informationen einzusehen und durch globale Digitalisierung Produzenten und Verbraucher besser miteinander zu vernetzten und Produktion und Bedarf besser zu harmonisieren.

    Loben möchte ich besonders das starke Einbinden der Jugend durch das Jugendforum. Diese konnten mit ihren sehr konkreten Forderungen und Appellen deutlich machen, dass sie sich bewusst sind, wie vernetzt die heutige Welt ist und wie wichtig es ihnen ist, Kleinbauern und lokale Kooperationsstrukturen zu unterstützen.

    Die Kalkscheune ist eine tolle Lokation in Berlin und war für den Anlass eine gute Wahl. Ein großes Lob auch an das sehr leckere Catering. Schön, dass die Portionen nicht so groß und das Mittagessen schön leicht war – so konnte sich kein „Foodkoma“ am Nachmittag einstellten. Ich persönlich hatte den ganzen Tag viele nette Interaktionen und regen Austausch, sowohl mit Teilnehmern meines Workshops, wie in der Mittagspause und am Abend auch mit anderen Besuchern.

    Was die Zukunftsvision für TransFair e.V. betrifft, unterstütze auch ich den Ansatz von Richard David Precht, der darauf zielt, dass sich die Organisation mit ganzheitlichen Flaggschiffprojekten den Standard für fair gehandelte importierte Rohstoffe und Produkte setzen sollte.
    In den Produzentenländern hieße das, dass essenzielle Akkreditierungsschritte, Standards und verschiedene Ansätze der Organisation, des Aufbaus und der Struktur von Produzentennetzwerken und Gemeinschaftsprojekten, Kontrollelementen, Trackingcodes etc. zu einer Art „ganzheitliche Schablone“ zusammenzufassen. Diese „Schablone“ (Guidelines) können dann von einer fairen und nachhaltigen Produktionskette auf ähnliche Produkte übertragen werden.
    Ein Beispiel könnte die Produktionskette von Fairtrade Rosen in Kenia sein. Zusätzlich zu einer fairen Entlohnung für die Arbeiter*Innen und der erbauten Geburtsstation im Krankenhaus von Naivasha, könnten weitere Initiativen, wie Trainingskurse zum Bodenschutz oder biologische Schädlingsbekämpfung angeboten werden. Aber auch Informationen über gesunde Ernährung und Tipps zum Aufbau eines Küchengartens, zusätzliche Bildungsmöglichkeiten von Familienangehörigen, Mikrokredite und regelmäßige ärztliche Betreuung, zum Beispiel durch mobile Kliniken, wären wichtig. Viele lokale und internationale Organisationen arbeiten parallel an diesen verschiedenen Teilaspekten von nachhaltiger Entwicklung, aber nur wenige kooperieren miteinander. Ernährung, Gesundheit, Bildung und Einkommen sind aber alle stark aneinander gekoppelte Faktoren.
    Auch Upcycling Initiativen (z.B. Limonade aus der Kaffeekirsche in Honduras, Dünger aus Bananenschalen in Ecuador etc.) sollten zur zusätzlichen Einkommensgenerierung unterstützt werden.

    Auf der Verbraucherseite müssen die Konsumenten über diesen ganzheitlichen Ansatz besser informiert werden. Durch Social Media Kampagnen könnten helfen mehr Verständnis und Bewusstsein für die Produzenten aus dem globalen Süden zu schaffen.

    Des Weiteren sollten alle Fairtrade Produkte auch standardmäßig biologisch sein. Nicht selten ist man im Supermarkt vor die Entscheidung gestellt, ob man bei einem gleichen Produkt, jetzt die bio oder Fairtrade Variante wählt und sich so zwischen „for people“ oder „for planet“ entscheiden muss. Da es aber im Langzeitinteresse der Fairtrade Produzenten sein sollte, ihre Böden zu schützen, wäre eine baldige komplette Umstellung auf biologischen Anbaumethoden erstrebenswert. Auch hier könnten wieder Synergien mit anderen lokalen Organisationen und der Bio-Bewegung hier in Europa genutzt werden.

    Die an diesem Tag öfter genannten Absatzzahlen von „nur“ 13€ pro Kopf von Fairtrade Produkten in Deutschland jährlich, im Vergleich zu den viel höheren Zahlen in Österreich und der Schweiz zeigten, dass es in Deutschland für Transfair e.V. noch viel zu tun gibt. Persönliche Treffen in Interessenverbänden und ein informativer Austausch dieser Art sind daher sehr wertvoll für alle Beleidigten. Nicht nur ist es wichtig auch Zwischenziele zu feiern, auch ist es wesentlich, wie bei diesem Event, regelmäßig neue Strategien zu erarbeiten und den Kurs neu auszurichten.
    Ein bisschen mehr Kooperation und Einbindung von anderen sozialen Akteuren wäre für die Zukunft wünschenswert und würde sicherlich helfen die gesteckten Ziele schneller zu erreichen.

    Alles in allem war es für mich ein wirklich tolles Erlebnis und ein motivierender Tag.

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